Anknüpfen, umformen, weiternutzen: Artai Sánchez und Davide Morgillo schöpfen aus dem Vorhandenen und erschaffen daraus Neues. Zu Besuch im Atelier des Architektenduos in Zürich.
Wilde Karte #09 Finalist: Sánchez Morgillo
Eine Tischinsel mit zwei Computerbildschirmen, Regale, eine Wand mit sorgfältig aufgereihten Plänen und Bildern: Die Nische, die Artai Sánchez und Davide Morgillo seit dem vergangenen Jahr in einem grösseren Architekturbüro nahe dem Bahnhof Zürich-Hardbrücke gemietet haben, ist kaum grösser als ein Schlafzimmer. Doch die Architekten sind in der Zusammenarbeit auf kleinem Raum geübt. Ihr Erstlingswerk, die Aufstockung und Sanierung des Gemeindehauses Frutigen, planten sie noch in Davide Morgillos Wohnung. Wer konnte schon ahnen, dass sie so schnell zu ihrem ersten Auftrag kommen würden?

Die Architekten kennen sich seit dem ETH-Studium, das sie 2020 abschlossen. Sie verbindet nicht nur das gemeinsame Büro – beide sind auch am Lehrstuhl von Comte/Meuwly an der ETH Zürich tätig, zudem sind sie privat Nachbarn. Die Firmengründung 2024 war ein Schritt ins Ungewisse, den sie «nicht aus Unzufriedenheit, sondern aus Lust» wagten. Morgillo kündigte für die Selbständigkeit seine Anstellung bei Marazzi Reinhardt, Sánchez verliess das Büro von Comte/Meuwly.
Einen grossen Auftrag hatten sie noch nicht in der Tasche. Assistenzstellen an verschiedenen Lehrstühlen garantierten ein regelmässiges Einkommen, Wettbewerbe und kleine Mandate wie die Szenografie für die Swiss Art & Design Awards 2025 in Basel, für die Sánchez Morgillo mit dem Architekturbüro Truwant+Rodet+ zusammenspannten, stillten ihre Gestaltungslust. Und kaum hatten sie losgelegt, ergab sich auch schon besagter Auftrag in Frutigen: Das Dorf im Berner Oberland schrieb ein Planerwahlverfahren für die Sanierung und Aufstockung seines Gemeindehauses aus. Sánchez Morgillo bewarben sich zusammen mit dem ortsansässigen Büro Wad Architekten – und erhielten prompt den Zuschlag.


An Vorhandenes anknüpfen
Anstatt den Raumbedarf der Gemeindeverwaltung nur durch ein neues Geschoss zu decken, stockten sie den Massivbau aus der Nachkriegszeit um zwei Geschosse aus Holz auf. Damit erhielt die Gemeinde unter dem Dach ihres Gebäudes einen zwar nicht bestellten, aber durchaus nützlichen grossen Raum für verschiedenste Nutzungen und als Reservefläche. Die durch das zweite Geschoss entstandene Mehrhöhe glichen die Architekten aus, indem sie dem Gebäude anstelle des zuvor steilen Dachs ein flach geneigtes aufsetzten. Der bestehende Innenausbau ist grösstenteils erhalten geblieben, aus Kostengründen und der Umwelt zuliebe. An der Fassade haben die Architekten den groben Verputz des Bestands über die neuen Geschosse weitergeführt. Ein Raster aus eingelegten Aluminiumprofilen strukturiert die Aufstockung und integriert die Fenster. Sind die putzfarbigen Storen heruntergelassen, wirkt die Fassade vollständig geschlossen. Das Spiel mit der Abstraktion lässt die Erscheinung des Hauses zwischen bodenständig-vertraut und technisch-kühl oszillieren.
Weiterbauen, was schon da war: Dafür steht nicht nur das Beispiel Frutigen, es ist ein Prinzip, das Sánchez Morgillo generell interessiert. In ihrem Portfolio finden sich vorwiegend Umbauprojekte. Und wenn sie Neues planen, dann indem sie Vorgefundenes und Gebrauchtes einsetzen. So auch beim offenen Wettbewerb für ein neues Bienenforschungszentrum von Agroscope in Posieux bei Freiburg. Statt wie die meisten der 105 Wettbewerbsteams brav ein Gebäude aus neuen Teilen zu entwerfen, fügten Sánchez Morgillo die Primärstruktur des Neubaus aus Elementen von anderen Gebäuden auf dem Areal, deren Rückbau bereits beschlossen war. Das Konzept und die entwerferische Umsetzung überzeugten die Jury, und so hat sich das Duo im vergangenen Februar bereits den nächsten Auftrag gesichert. Es scheint, als zahle sich der mutige Schritt in die Selbständigkeit für Sánchez und Morgillo aus.


In Zusammenarbeit mit Hochparterre und MHZ Hachtel & Co AG.