Atelier Nu ist typologisch versiert, öko-sozial aufgeklärt und hat bereits einen Wettbewerbserfolg in der Tasche. Nun ist es für die «Wilde Karte 2026» nominiert.
Wilde Karte #09 Finalist: Atelier Nu
«Makelloser Grundriss, sehr schweizerisch – ein Projekt von EMI?», so zwei zufällig im Zug angetroffene Architekt*innen beim Blick auf das ‹Haus zwischen Scheiben› von Atelier Nu. Tatsächlich haben zwei der drei Bürogründer*innen von Atelier Nu ein knappes Jahr bei EMI gearbeitet. Doch dies allein erklärt die bemerkenswerte Reife ihrer Architektur kaum.

Das Scheibenhaus zeugt erstens von klugem Pragmatismus: Der fünfstöckige Ersatzneubau in Dietikon reizt das Baurecht aus. Zu den lärmigen Strassen gibt er sich geschlossen und dreht den Blick über Erker in den Strassenraum. Zum ruhigen Hof ist die Abwicklung maximal.
Das Projekt ist zweitens typologisch versiert: Parzellenkanten und ihre Senkrechten überlagern sich zu polygonalen, dabei gut möblierbaren Grundrissen. Die zwei 2,5-Zimmer-Wohnungen der Regelgeschosse bieten Nischen und Durchblicke. Wandscheiben mit Schiebe- und Zapfbandtüren stehen prägnant im fliessenden Raum. Die Interpretation des Lux Guyer’schen Durchgangsbads integriert Lavabo und Einbauschränke hinter Spiegeltüren.

Drittens ist das Haus souverän gestaltet: Aussen wechseln sich geschlämmte Kalksteinwände und rot-silberne Fensterpartien im vertikalen Takt. Innen bilden Betondecken und Anhydritböden den Hintergrund für tannengrüne Stützen, pistazienfarbene Erker- und Terrassenfenster sowie beige gestrichene Ausbauten.

Weiterbauen – was sonst?
Kennengelernt haben sich Michael Blaser, Yvo Corpataux und Jil Ehrat während der Ausbildungsjahre. Auslöser für die Bürogründung 2019 in Zürich war die Vorstudie einer familiär verbundenen Immobilienfirma für das Projekt «Turbinenhaus» in Derendingen. Über diese kamen auch der Auftrag für den «Wollturm» und für das «Haus zwischen Scheiben» zustande. Im Herbst 2025 dann der erste Wettbewerbserfolg: Im Verfahren zur Erneuerung der Siedlung Wibich setzten sie sich gegen 89 Teilnehmer*innen aus der Zürcher Wohnbauszene durch. Ursprünglich war ein Ersatzneubau vorgesehen, doch einen solchen gibt es bloss als Lärmschutz zur westlichen Bucheggsstrasse. Graduell nimmt die Eingriffstiefe von dort aus ostwärts ab.
Zunächst folgen zwei doppelgeschossig aufgestockte Riegel. Beim älteren schaffen ausgelagerte Erschliessungstürme im Innern Platz für zeitgemässe Wohnräume. Beim jüngeren bleibt die funktionierende Erschliessung erhalten. Beim letzten Haus, das ein Geschoss höher ist, gibt es keine Aufstockung, bloss einen Dachausbau. Was so simpel klingt und so schwierig ist – das Taugliche erhalten, das Nötige ergänzen, Aufwand und Ertrag optimieren – ist hier gelungen. Heute knobeln die Architekt*innen an den Anpassungen mit Blick auf die Lärmschutzrevision und an der gestalterischen Balance zwischen Einheitsbrei und Potpourri.


Vertraut haltungsstark
Ihr Büro oberhalb der Beiz «Les Halles» teilt sich Atelier Nu mit anderen Kreativen. Kräftige Stützen mit Unterzügen gliedern den Raum. Auf Errex-Regalen liegen Materialmuster. Eine Zuriga-Kaffeemaschine brüht Crema für den Arbeitstag. Und auch die sieben Thesen, in denen sie ihre Haltung niedergeschrieben haben, klingen vertraut – und richtig: Atelier Nu will sich um Zwischen- und Schwellenräume kümmern, Orte der Gemeinschaft und soziale Nachhaltigkeit fördern und Inspiration im Alltäglichen finden
In Zusammenarbeit mit Hochparterre und MHZ Hachtel & Co AG.
